G

Gast

Gast
  • #1

Unsicherheit? Kopf und Herz...

Ich weiß nicht was mit mir los ist. Ich (w/31) bin seit wenigen Wochen mit einem Mann zusammen; da wir 250 km voneinander entfernt wohnen, sehen wir uns leider nicht oft. Er ist ein sehr ehrlicher Mensch, zuverlässig, zärtlich und nichts ist ihm zu lästig, damit wir uns so oft es geht sehen können. Er kann sehr gut zuhören, ist für mich da. Ich selbst bin jemand, die selber zuverlässig, fürsorglich etc. ist. Aber ich fordere auch gerne (scherzhaft) heraus. Ich necke ihn öfter mal und würde mich wünschen, dass er darauf einsteigt. Doch dann wird er eher verlegen, weiß nicht so recht wie er sich verhalten soll. Das kommt mir oft so langweilig vor und dann habe ich Gewissensbisse weil ich ihn in diese Verlegenheit gebracht habe. Ich glaube mir fehlt vielleicht mehr Profil. Einerseits fühle ich mich wohl in seiner Nähe. Andererseits habe ich aber auch das Gefühl, ihm fehlt der "Biss".

Ich hatte bisher mehrere Beziehungen und bei keiner habe ich es bisher erlebt, dass ein Mann so viel gibt wie er. Die letzte war ziemlich extrem. Mein Ex war absolut auf sich selbst bezogen; wollte ich ihm eine Freude machen so warf er mir vor, dass ich jetzt von ihm erwarte, dass er sich freue und damit würde ich ihn unter Druck setzen. Wenn ich das alles ab und zu nicht mehr ausgehalten habe sagte er mir, ich hätte meine Emotionen nicht unter Kontrolle. In diesen drei Jahren fing ich an, meine Emotionen nach und nach runterzuschrauben. Hatte ich vorher noch einen riesigen Sinn für Romantik, so ist dies seitdem weg. Überhaupt stand er über allem. Über mir, über dem Rest der Welt weil die einzige Meinung die er gelten ließ, seine waren. Das betraf ganz profane Dinge wie Filme, Musik, Humor; aber auch ethische Maßstäbe und Haltungen. Da waren wir sowieso ganz unterschiedlich. Das einzig Interessante wars da noch, sich über eben diese Dinge zu unterhalten in denen wir meist ganz entgegengesetzte Meinungen vertraten.

Nun merke ich in der neuen Beziehung zunehmend, wie ich selbst so geworden bin. Hat mein Freund andere Vorlieben und Interessen als ich (wobei das eher seltener ist weil unsere Interessen schon in weiten Teilen übereinstimmen), denke ich mir gleich: ach herrje, wie kann er nur... Im Nachhinein komme ich mir dabei ziemlich arrogant vor und schäme mich.

Er hat all diese guten Eigenschaften, die ich bei den bisherigen Partnern immer vermisst habe. Warum kann ich mich nicht vollkommen auf ihn einlassen? Es ist auch eher so ein Hin- und Hergerissensein. Mal schaue ich ihn an und bin überglücklich. Im nächsten Moment sagt er irgendwas, was für mich blöd klingt. Und schwupp... die Anziehung ist wieder vorbei. Ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll und wo ich anfangen soll nach dem Grund für dieses Problem zu suchen. Darum schreibe ich auch. Aus der Außenperspektive betrachtet könnt ihr mir vielleicht zu mehr Objektivität verhelfen, die mir momentan fehlt weil ich ja involviert bin. Vielleicht habt ihr auch eigene Erfahrungen.
 
G

Gast

Gast
  • #2
Ich nehme mal an, die Trennung von dem dominanten Ex ist nicht ohne Spuren an dir vorüber gegangen. Sowas prägt erstmal. Die Leichtigkeit ist weg, die - im positiven Sinne - naive Freude am anderen. Das geht mir auch so, je älter ich werde. Man prüft viel mehr, stellt die Antennen auf, versucht, sich abzusichern.

Das, was du schreibst, klingt doch erstmal gut. Die Voraussetzung ist natürlich, dass du etwas für ihn empfindest und ihn nicht nur deshalb warmhältst, weil er er so empathisch ist. Ihr seid erst ein paar Wochen zusammen, im Prinzip ist er immer noch ein fremder Mensch für dich. Vertrauen baut sich nicht von heute auf morgen auf, und vielleicht ist es ja ganz gut, dass du nicht Hals über Kopf für ihn entflammt bist, sondern noch eine gesunde Distanz hast - alles andere wären nach deinen Erfahrungen ja auch Mädchenträume.

Gibt euch ein bisschen mehr Zeit, geniess die Zeit mit ihm und versuch, dich weniger unter Druck zu setzen, dass alles passen muss. Ich fände es zu früh, jetzt schon einen Schlussstrich zu ziehen, ich denke, du hast einfach nur Angst, dir den Falschen ausgesucht zu haben. Ecken und Kanten hat jeder ab einem bestimmten Alter, lern ihn besser kennen und frag dann deinen Bauch.
 
G

Gast

Gast
  • #3
Hallo FS,
das kenne ich aus persönlicher Erfahrung auch (w, 41). Diese "Beziehungen" sind alle zerbrochen. Du empfindest ihn nicht als Herausforderung o.ä. Er langwelt dich womöglich auf die Dauer. Nichts gegen deinen Freund. Er ist so wie er ist und du bist so wie du bist. Es passt nicht. Punkt.
 
  • #4
Liebe FS, wahrscheinlich hat Dein Selbstbewusstsein sehr gelitten unter den Jahren mit dem anderen Partner. Jemanden zu sehen und in seinem Wesen ganz anzunehmen, setzt voraus, dass man sich darüber im Klaren ist, dass der andere ein anderes Leben geführt und unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat, ja, eventuell sogar aus einer ganz anderen Welt stammt als man selbst.

Wenn man sich selbst bis zum Ende als ein "Werk im Wachstum" - und eben nicht: "vollendet" - begreift, fällt es leichter zu verstehen, dass die Umwelt andere Überzeugungen haben mag und möglicherweise diese auch nicht die schlechtesten sind.

Ich kann Dein Verhalten sehr gut verstehen, da ich selbst (Perfektionistin, extrem schwankend in meinem leicht zu erschütternden Selbstwertgefühl) daran arbeite. Hilfreich ist für mich, insbesondere im Berufsleben möglichst erfüllt zu sein und meine sonstigen sozialen Kontakte zu pflegen.

Der Mann, der all diese guten Eigenschaften hat... den willst Du doch sicherlich so lieben, wie er es verdient?

Viel Glück!
 
G

Gast

Gast
  • #5
Ich hatte eine Freundin, die eher egoistische Partner vor mir hatte. Ähnlich wie dein Freund habe ich anfangs viel gegeben, weil das meine Natur ist. Für mich wurde dann mit der Zeit zum Problem, dass kaum etwas zurück kam. Sie hatte eine ganze Reihe spielchen entwickelt um ihren Willen durch zu setzen, die ich bis dahin garnicht kannte (musste sie vielleicht auch). Sie hat oft Versucht ihren Willen durch streiten durch zu setzen, auch wenn sie selbst genau wusste im Unrecht zu sein. Ich Depp hab immer überlegt, was sie nun auf einmal hat, habe sogar meine eigene Wahrnehmung in Zweifel gezogen, bis ich es dann irgendwann mal gerafft habe und dann war es für mich eigentlich auch gelaufen. Es herrschte keine Waffengleichheit. Seit dem ist meine Bullshit-Toleranzschwelle gegenüber Spielchen extrem gesunken und ich finde sehr schnell klare Worte. Das mag jetzt ein extremer Fall sein, aber so züchtet jeder Beziehungsgestörte im Laufe seines Lebens andere heran. Obwohl ich bei deinem Fall nicht von Gestörtheit sprechen würde, klingt relativ normal. Ich glaube es liegt an der Waffengleichheit, dieses unterbewusste irrationale Gefühl, aus dem sich Fauen eher zu den sogenannten "Arschlöchern" hingezogen fühlen. Der perfekte Mann muss wohl lieb und nett wie dein Freund sein und ab und zu im Richtigen Moment mal den keine Ahnung was spielen. Sprech doch mit ihm darüber, dass du ab und an mal, keine Ahnung, etwas kämpfen willst oder soetwas in die Richung. Ich glaube die meisten mögen das. Viel Glück!
 
G

Gast

Gast
  • #6
Nachtrag: Interessant ist, dass du längere Beziehungen mit Egoisten führst und ein "netter" Kerl dich schon nach ein paar Wochen abturnt. Nett ist sowas von der kleine Bruder von scheiße, dass es eigentlich schon wieder witzig ist. Sag es ihm einfach, wenn es dann klappt ist gut und wenn nicht weiß er wenigstens warum, auch wenn es erstmal abwegig klingt für nett sein bestraft zu werden. Diese Info könnte ihm zukünftig sehr weiter helfen und für dich ist es gut zu wissen worauf du stehst. Aber so wie es jetzt ist wird es nicht funktionieren und für ihn sicherlich das unangenehmere Ende nehmen. Zum Schluss machen ist er zu nett und zum glücklich sein auch, also läuft die Sache weiter und keinem ist geholfen.
 
G

Gast

Gast
  • #7
Willst Du es diesmal richtig machen? Von Anfang an?

Kann es sein, dass Du möglichst früh eine richtige Entscheidung treffen willst, aber Dich noch nicht entscheiden kannst?

Für Dich, um Dich zu schützen, oder auch für ihn, um auch ihn zu schützen? Völlig egal.

Um nicht nochmal etwas falsch zu machen? Das ist völlig verständlich! Menschlich.

Aber lass Dir sagen: das geht leider nicht! Man kann es nicht am Anfang entscheiden. Es geht nur ausprobieren, hinfühlen, hinsehen. Und entweder weitermachen, weil es noch gute Hoffnung gibt, oder aufhören, weil es hoffnungslos ist.

Wenn Du Dich nicht einlässt, wird es nicht gut und gelingen.

Wenn Du Dich einlässt, besteht die Gefahr, dass es irgendwann schmerzt! Auch ohne böse Absicht einer Seite, einfach, weil man irgendwann etwas herausgefunden hat, was nicht passt und die Hoffnung tötet. Das sollte möglichst etwas sein, was handfest ist, nicht etwas, was man sich eingebildet hat, weil man sich nicht eingelassen und es nicht wirklich ausprobiert hat. Hier spielt oft Einbildung und Vorurteil eine wichtige Rolle, leider. Also sollte man wirklich genau hinsehen, was wirklich da ist.

Man kann nicht über die Straße gehen ohne Risiko, nicht einmal aus dem Bett aufstehen. Das gehört zum Leben. Darum leben wir, wir nehmen alles mit, jeden Schmerz und alles Glück. Siehe auch Song: darum leben wir von Cassandra Steen. Es gibt kein Glück ohne Risiko von Schmerz. Partner, Kinder, Freunde etc.

Und wenn es nicht geklappt hat, dann bestehen unsere Bedürfnisse danach weiter. Und das Spiel fängt von vorne an. Hoffentlich haben alle etwas gelernt, so dass sie es nächstes Mal besser machen.
 
Top